38d01 soundcloud Nerds in Town

Während sich beim jährlichen Harley-Treffen die bärtigen Muskelpakete auf ihren scheiß nervig lauten Rauchmaschinen einen schweißnassen Mob bilden, sich die Modejunkies auf den Fashion Weeks um eine lange Planke scharen und nur darauf warten, dass eine der darauf laufenden Stangen in die flutende Menge aus Paparazzi, Journalisten und H&M-Abonennten stürzt, so versinkt man bei jeglichen Veranstaltungen, die sich um die platonische Vernetzung des digitalisierten Planeten drehen, quasi in kleinen weißen Äpfeln, Seidenschals gehüllten Agenturfuzzies (wir dürfen das schreiben, weil sich sowieso nie einer von ihnen angesprochen fühlt) und einer riesigen Wolke aus Geilheit sich selbst gegenüber und der Verachtung aller anderen. So ging nämlich gestern die zweite Social Media Week in Berlin und dem Rest der Welt zu Ende und wir haben für euch mal rein geschnuppert, was uns denn in der nahen Zukunft so alles auf Facebook, Twitter und den restlichen Zufluchtsorten der Nerdkönige erwartet.

Diesen Einsatz dürft ihr uns hiermit hoch anrechnen, schließlich haben wir bei all dem verfluchten Glatteis unser aller Leben riskiert, um euch hautnah zu berichten, warum es manchmal doch ganz in Ordnung ist, sein gesamtes Leben vor einem tragbaren Bildschirm mit Tastatur vorne dran zu verbringen. Und das war bei weitem gar nicht so uninteressant, wie wir vorher vermutet hatten.

Bei MTV wurden wir von der sympathischen Blogoma Barbara Hallama und dem Chef von allem Yousef Hammoudah mit der knallharten Wahrheit über das am Horizont liegende, schöne neue Reich der Musik konfrontiert, Stephan Bode vom ehemaligen und von uns immer noch sehr vermissten ehemaligen Spielesender Giga und dem mit Budi und Simon sehr beliebten Projekt “Game One” erzählte der anwesenden Interessentenschaft alles über Social Games, hackte (zurecht) auf den FarmVille-Zombies herum und machte sich für Indie-Games wie “World of Goo“, “VVVVVV” und “Robot Unicorn Attack” stark und der doch sehr inspirierende und agile Typ von SoundCloud Alexander Ljung quasselte von seiner Kindheit und dass er sich die Zukunft des Internets wie ein riesiger Kasten aus Lego-Steinen vorstellt – jeder macht sein Ding, aber alles passt irgendwie zusammen. Klingt doch mal gar nicht so schlecht.

Eins hat diese Social Media Week allerdings gezeigt: Nerds können nicht feiern. Sara, Paulschen, Christoph und ich kämpften uns durch eisige Seen, glitschige Gebirge und Geschichten um sexy Australier für Partys, die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Also kippten wir uns ein paar Bierchen hinter die Binde, versuchten angestrengt dem Twitter-Battle zwischen Herm und Nilzenburger zu folgen (was aber sonst keiner tat) und verloren keineswegs gegen das Mädchen mit Penis und Stylewalker beim Kickern. Denn: Keine Fotos, keine Beweise. So flohen wir daraufhin doch lieber Hals über Kopf ins nahegelegene Belushi’s und stopften anschließend eine gefühlte Tonne Cheeseburger in unsere total flachen Mägen.

Was lernen wir also aus einer Woche Extreme-Nerding? Wir hatten wirklich Angst, dass hinter den meisten Twitterern und Bloggern nur unkommunikative, langweilige und gebrandmarkte Angsthasen, Schönlinge und Wichtigtuer sitzen – und in den meisten Fällen trifft das vollkommen zu. Es ist ja riesig, dass sich in der tollen, neuen Welt Menschen aus Schweden, Ägypten und der Mongolei virtuell treffen und gemeinsam Musik machen können, aber es würde sie auch schon ein wenig besser machen, wenn die Leute das Maul aufbekommen und mit dem zwei Meter entfernten Gegenüber sprechen würden, anstatt wie die Blöden alle Gedanken nur ins virtuelle Nirvana zu tippen.

Dennoch gibt es hinter so mancher neuen Firma und einer Vielzahl von pseudowichtigen Menschen wirklich kluge, inspirierende und kreative Köpfe, die blubbernde Ideen nur so aus sich herausspritzen und die man am liebsten nur mit offenem Mund auffangen möchte. Also die Ideen jetzt. Die können von mir aus im Handumdrehen das gesamte Internet in die Hand nehmen, besetzen und es zu einer farbenprächtigen Spielwiese verwandeln und dazu noch einen Selbsthilfekurs mit dem Titel “Aufeinander zugehen” anbieten. Das wird ein Spaß und wir freuen uns schon auf die re:publica.


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